Konzeption

Konzeption für Milieu nahe Suchtprävention/Beratung
Projekt „ STOB“

 

Einleitung Situation junge Menschen in Mümmelmannsberg etc.

 

Zielgruppen:

Grundsätzlich Jugendliche und junge Erwachsene ( KJHG ). Nutzer legaler und illegaler Drogen, besonders diejenigen mit riskanten Konsummustern, sowie Jugendliche und junge Erwachsene mit nicht stoffgebundenen Suchtpotentialen oder bereits bestehender manifester Abhängigkeit (Internet, Spielsucht etc.), ggf. Einbeziehung von Bezugspersonen wie Eltern, Freunde, Partner, schulisch und beruflich involvierte Personen sowie Multiplikatoren.

Ausgangslage:

Das Einstiegsalter der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beim Konsum legaler und illegaler Drogen verschiebt sich innerhalb der letzten Jahre kontinuierlich nach unten (Suchtbericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung 2009). Das gilt auch für die nicht stoffgebundenen Süchte wie internetsucht und Spielsucht. Die  Konsummuster werden zum Teil exzessiver. Konsum insbesondere illegaler Drogen schon vor Schulbeginn, „Koma“-saufen und stundenlanges surfen im Internet sind Kindern, Ju-gendlichen und Jungerwachsenen nicht fremd. Diese Dinge haben längst Einzug in ihre Lebensrealität gefunden. Wenn sie nicht selbst diese Erfahrungen gemacht haben, erleben sie dieses in ihrer unmittelbaren oder mittelbaren Umgebung mit. Oftmals führt dies zur Verzögerung oder Störung der Persönlichkeitsentwicklung. In Folge nehmen die Schwierigkeiten in Schule und Ausbildung zu, die Familien werden zunehmend belastet oder belasten zunehmend auch die Kinder und Jugendlichen. Suchtverhalten wird deswegen oft auch als subjektive Lösungsstrategie begriffen oder -wenn auch unbewusst- einfach gelebt.

Diesen Jugendlichen gehört die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit und sie bedürfen der besonderen Verantwortung und Fürsorge des Staates. Dabei ist es notwendig, die geschlechtsspezifischen Besonderheiten süchtigen Verhaltens zu beachten und zu berücksichtigen.

Grundhaltung:

„STOB“ geht davon aus, das auch junge Menschen ihrem Alter angemessen ein selbstbestimmtes Leben führen können müssen. „STOB“ begegnet ihnen in  der Kenntnis, dass sie zu mündigen, selbstverantwortlichen und selbstbestimmten Menschen heranwachsen können, wenngleich viele dazu Hilfen benötigen. „STOB“ unterstützt die jungen Menschen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung zum Erwerb von Fähigkeiten, die ihnen den Zugang zu allen Bereichen der Gesellschaft ermöglichen und zur selbst- und eigenständigen Lebensführung  beitragen soll. „STOB“ unterstützt und fördert junge Menschen auch beim Erwerb von Fähigkeiten, die eine möglichst suchtfreie Lebensperspektive eröffnen und hilft ihnen bei der Wahrnehmung von Hilfsangeboten im schulischen und sozialen Netzwerk des staatlichen und nichtstaatlichen Hilfesystems.

Dieses sind Dinge, die für „STOB“ Bestandteil der Primär- und Sekundärprävention sind und beständig in die Arbeit einfließen und so zu einer stabilen Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen in Lebensräumen wie z.B. Mümmelmannsberg beitragen können.

Zielsetzung:

Bei der Umsetzung der Ziele und Inhalte der primären und sekundären Suchtprävention liegt es zunächst an den Fachkräften, Glaubwürdigkeit und Authentizität zu vermitteln und ein Klima des Vertrauens, der gegenseitigen Achtung und Akzeptanz zu schaffen. Das ist die „Bringschuld“ der Fachkräfte gegenüber denjenigen, den dies im eigenen Leben, in der Familie, der Clique etc. nicht oder noch nicht erfahren haben. Darauf baut auch eine glaubwürdige (Sucht- ) Prävention auf.

Die allgemeine Suchtprävention -auch Primärprävention genannt-, bezieht sich auf die langfristige Verhinderung von Suchthaltungen und schließt etwa über die alltägliche Beziehungsarbeit sowie die Beschäftigung mit suchtpräventiven Inhalten eine Beteiligung der Kinder und Jugendarbeit ein. Dabei gilt: Nicht Drogen machen einen Menschen abhängig, sondern Menschen machen sich von Drogen abhängig.

„STOB“ wendet sich an junge Menschen, die aufgrund bestimmter struktureller und materieller Bedingungen als Benachteiligte zu betrachten sind und die unter diesen Bedingungen der Benachteiligung Lebensentwürfe und Muster zur Bewältigung ihres Alltags entwickelt haben, die von Standpunkt bürgerlicher Ordnung aus als störend, dissozial und deswegen als „behandlungsbedürftig“ angesehen werden.

Die primärpräventive Arbeit kann bei bestimmten Entwicklungen, Ereignissen und besonderen Gefährdungssituationen bei den jungen Menschen die Notwendigkeit intensiverer Präventionsarbeit, -die sekundäre Prävention- erforderlich erscheinen lassen. Positive Erfahrungen, die junge Menschen mit einer glaubwürdigen Primärprävention machen, werden nachhaltigere Wirkung zeigen als moralisierende Appelle und die Annahme von Angeboten und ggf. Interventionen der Fachkraft erleichtern.
Innerhalb der Sekundärprävention stellt die Beratung den zentralen Aufgabenbereich dar. Unter Berücksichtigung der jeweiligen Falllage sollte die Beratung der jungen Menschen  in einem erzieherischen Kontext geschehen, in den ggf. das ganze soziale System mit einbezogen werden muss. Dies gilt für Minderjährige im Besonderen.

Problematisches Suchtverhalten -sei es mit psychoaktiven Substanzen oder nicht stoffgebundenen Suchtverhalten-  ist als ein Symptom für zugrundeliegende seelische Ursachen zu sehen und kann nur im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte, der momentanen Lebenssituation und dem Umgang mit Gefühlen verstanden werden. Hier gilt es zu ent-scheiden, inwieweit eine Einzel- oder Familienberatung sinnvoll ist.

Vereinzelt oder Vereinsamt „kiffende“ Jugendliche in ihrem Zimmer, auf dem Schulhof oder im Stadtteil können damit auch eine Aufforderung nach Zuwendung oder den Wunsch nach Zuwendung und sozialen Kontakten signalisieren.

Betrachtet man insbesondere den Aspekt von Entwicklungs-“aufgaben“ von Kindern und Jugendlichen bzw. deren potentiell auftretendes Problemverhalten insbesondere in der pubertären Phase, bedeutet dies für eine ursachen- und persönlichkeitsorientierte Suchtprävention, den Jugendlichen bei der Lösung ihrer Entwicklungs-“aufgaben“ und Entwick-lungsschritten zu helfen bzw. ihnen jene Einsichten zu vermitteln und solche Fähigkeiten zu stärken, die für sie bei der Auseinandersetzung mit den ihnen gestellten Entwicklungs-“aufgaben“ wichtig sind. Die Bewältigung von Entwicklungsproblemen sollte von der Fachkraft immer mit denkbaren Alternativen minderen Risikos begleitet werden: Wenn schon nicht abstinent leben, dann doch kontrolliert konsumieren.

(vgl. Silberreisen/ Kastner 1987 (2)).

Art der Leistung:

„STOB“ kombiniert in der Präventionsarbeit die Bausteine Streetwork, Einzelfallhilfe, Gruppen- und Cliquenbegleitung, Schulsozialarbeit, Multiplikationsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Kooperation. Die Gewichtung der einzelnen Bausteine kann nicht pauschalisiert werden sondern zeigt in der Praxis höchst unterschiedliche Ausformungen. Bei starken City-Szenen oder Cliquen bezogenen Situationen überwiegen die Bausteine Streetwork und Beratung.

Streetwork:

Streetwork ist eine zentrale Komponente von „STOB“ und als ein andauerndes Kontaktangebot an die jungen Menschen zu verstehen, bei denen sich oftmals negative und leidvolle Erfahrungen mit einer Welt der helfenden, der ordnenden und strafenden Hand zu ausgeprägten Misstrauenshaltungen verfestigt haben.


Streetwork, das regelmäßige und verbindliche Aufsuchen der Menschen an ihren Treffs, in ihren sozialen Räumen, sichert das Kennenlernen und Miterleben der Lebenswirklichkeit dieser jungen Menschen und versichert sie des andauernden Interesses der Fachkräfte in dieser Wirklichkeit.

Beratung und Einzelfallhilfe:

Prävention ist für „STOB“ keine eindimensionale, konfrontative Vermittlung von Wissen und Verhaltensverweisen. Vielmehr besteht gelingende Präventionsarbeit aus einem Geflecht von Wissen und Kenntnissen, vertrauensbildenden Maßnahmen und der Vermittlung kleiner Erfolge. Dies beinhaltet auch die Beratung von Jugendlichen und Jungerwachsenen. Entscheidend wirkt hier der Faktor Zeit und Zeit haben. Zeit lassen und Geduld zu üben ist eine wesentliche Qualität sozialer Jugendarbeit/ Suchtprävention. Auf dieser Grundlage und aus der Situation des Aufsuchens und steten Kontaktes auf der Straße ergeben sich vielfältige Anknüpfungspunkte für Sofort- und Einzelfallhilfen und weitergehende  Beratung. Präventions- und Jugendsozialarbeit ist zunächst für alle Fragen und Probleme zuständig, die junge Menschen mitbringen.

Sie muss sich als niedrigschwellige Form nicht ressortierter oder spezialisierter Beratung anbieten, die ohne Termin oder Wartezeit auf der Straße  oder im Büro stattfinden kann. Ausschließliche Auftraggeber für das professionelle Handeln, in der Jugendsozialarbeit, sind die jungen Menschen. Auf deren ausdrücklichen Wunsch hin, kann auch eine Weitervermittlung an und in entsprechende Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe erfolgen. Insofern lebt eine umfassende Präventionsarbeit und Einzelfallhilfe von einer professionellen Vernetzung insbesondere im Sozialraum, aber auch darüber hinaus.

Gruppen- und Cliquenbegleitung:

Jugendsozialarbeit agiert in den sozialen Bezügen junger Menschen und versteht ihre Gesellungsformen, die gleichaltrigen oder Interessengruppe und die Clique als entscheidende Instanzen der Sozialisation junger Menschen.

Im Verständnis der Clique als Unterstützungsgruppe, die jungen Menschen Stabilität, Rückhalt, Selbstwert und Entwicklungschancen offeriert, kann Jugendsozialarbeit zum Erwerb von Kompetenzen, zur Alltagsbewältigung betragen, wenn ihr der Zugang zur Clique gelingt. Sehr wichtig für die Arbeit mit Cliquen erweist sich ein ausgewiesenes eigenes soziales und kulturelles Raumverständnis. Soziale Jugendarbeit postuliert das Recht junger Menschen auf  ( wieder ) Aneignung öffentlichen Raumes, als Ort der Begegnung, und der Produktion von Kultur wie z.B. HipHop, Raven etc.. Sie verteidigt auch im Sinne einer (Wieder - ) Gewinnung von „Heimat“, das Recht junger Menschen auf pädagogisch nicht besetzten Raum ( vergl. auch Stotz in Landesarbeitsgemeinschaft mobile Jugendarbeit Baden-Württemberg. (Hrsg. 1997)

Ebenso versucht Jugendsozialarbeit den Cliquen eigene Räume zur selbstverantworteten evtl. begleiteten Eigennutzung zu vermitteln.

Schulsozialarbeit:

Die Schulsozialarbeit hilft Schülern, Eltern und Lehrern bei aktuellen Problemen wie Erziehungs-, Lern- und Verhaltensschwierigkeiten sowie bei der Planung und Durchführung von Aktivitäten, die solchen Schwierigkeiten vorbeugen.
Leitlinie der Schulsozialarbeit ist es, bei Schwierigkeiten Hilfe anzubieten, damit die Betroffenen lernen können, mit ihren Problemen selbst umzugehen und diese selbst zu lösen. Zudem wird ein niedrigschwelliges Beratungs- und Gesprächsangebot für Schüler, Eltern und Lehrer vorgehalten um bei sozialen Problemlagen schnell intervenieren zu können.

Schulsozialarbeit und schulische Prävention beinhaltet:

  1. leichte Erreichbarkeit für Schüler, Lehrer und Eltern in der Schule,
  2. Angebote zu den Themen Sucht- und Gewaltprävention, Internet Verhalten, Sexualpädagogik und Berufsorientierung
  3. zeitnahe Intervention z.B. bei Drogenkonsum und nicht stoffgebundenem Suchtverhalten, Schulmüdigkeit oder kritischen Le-benssituationen.
  4. tragfähige Kooperationsstrukturen mit Institutionen und Personen im Schulumfeld.
Sucht- und Kriminalitätsprävention:

Projekte zur Sucht- Gewalt- und Kriminalitätsprävention stellen insbesondere im Lebensalter heranwachsender junger Menschen eine sinnvolle und wichtige Ergänzung zum Unterricht dar.

Diese Projekte sollen regelmäßig insbesondere mit den Förder- und Gesamtschulen in enger Kooperation mit den zuständigen Klassenlehrern und den bürgernahen Beamten in den Unterricht einfließen.

Multiplikatorenarbeit:

Zielgruppe sind Mitarbeiter in Jugendfreizeithäusern, Schulen anderen Beratungsstellen, ambulante und stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe sowie Ausbildungsbetriebe.


Folgende Ziele sollen dabei verfolgt werden:

  1. Bezugspersonen von Jugendlichen für mögliche Suchtgefährdung sensibilisieren.
  2. Vermittlung von Handlungssicherheit im Umgang mit konsu-mierenden Jugendlichen.
  3. Implementierung von Maßnahmen der Frühintervention um einer Entwicklung von Abhängigkeit vorzubeugen.


Im Rahmen der Multiplikatorenarbeit werden Fortbildungsangebote mit folgenden Modulen angeboten

  1. Wissen zu Wirkungen und Risiken verschiedenen psychogener Substanzen und nicht stoffgebundener Suchtpotentiale
  2. Rechte und Pflichten von Mitarbeitern im Zusammenhang von Drogengebrauch (BtMG etc.), allgemein rund um den Drogenkonsum, 
  3. Unterscheidung verschiedener Konsummustern  (Genuss, Missbrauch, Gewöhnung, Abhängigkeit).
  4. Wissen um Schutz und Risikofaktoren im Hinblick auf Suchtge-fährdung.
  5. Kontaktaufnahme mit jungen Konsumenten auf Grundlage der motivierenden Gesprächsführung nach Miller und Rollnik.
  6. Bewusstmachung der eigenen Haltung zu Drogenkonsum
  7. Interventionsmöglichkeiten der Mitarbeiter gegenüber Jugendlichen
  8. Erarbeitung von Regeln und Konsequenzen bei Verstößen.
Fortbildungsangebote für junge Menschen:

Junge Menschen sollen dazu befähigt und ausgebildet werden,  ehrenamtlich Suchtproblematiken an der Schule und dessen Umfeld sowie  von Mitschülern zu erkennen und Hilfestellung zu geben. Angestrebt wird eine Ausbildungserweiterung um Trainingsfähigkeiten der sozialen Kompetenz in Gruppenstunden.

Öffentlichkeitsarbeit:

Suchtprävention/Beratung ist umso wirkungsvoller je früher potentiell gefährdete Kinder und Jugendliche sowie deren Bezugspersonen erreicht werden. Daher sollten im ersten Schritt möglichst viele Menschen in Mümmelmannsberg vom Angebot der Einrichtung wissen. Insbesondere Suchtmittel gefährdete junge Menschen und deren Bezugspersonen.

Zur Öffentlichkeitsarbeit sollen genutzt werden:

  1. Zielgruppenspezifische Flyer, die auf die Einrichtung hinweisen.
  2. Plakate in Schulen und Freizeithäusern
  3. Zeitungsartikel
  4. Suchtpräventive Veranstaltungen im Stadtteil.
Kooperationen:

Im Hinblick auf Kooperationen mit anderen Einrichtungen wird, im folgenden, die Intensität und der Zweck der Zusammenarbeit beschrieben.

Im engen Austausch:
  1. „Diakonisches Werk“
  2. Praxisklinik MMB
  3. Jugendgerichtshilfe
  4. Büro für Suchtprävention
  5. Träger der Jugendhilfe
  6. Beschäftigungsträger
  7. Jugendamt
Kooperationspartner zu denen Klienten als weiterführende Maßnahme vermittelt werden:
  1. Palette e.V.
  2. Kodrobs
  3. Jugend hilft Jugend
  4. Die Brücke
  5. Praxisklinik Mümmelmannsberg
  6. MAT, Wandsbek
  7. Asklepios Klinik Nord ( Ochsenzoll )
  8. Freiraum e.V.
  9. IGLU
Überregionale Vernetzung:
  1. Fachausschuss Drogen
  2. Fachausschuss Suchtprävention
  3. Arbeitskreis Substitution
  4. StaBi
  5. Arbeitskreis Sucht Diakonie
Organisation:

Kernarbeitszeit:  9.ooh – 17.3o h

Ziel ist, Beratungsgespräche so „kundenfreundlich“ und flexibel wie möglich zu vereinbaren, d.h. auch in den frühen Abendstunden. Termine für Erstkontakte können flexibel abgesprochen aber auch spontan die Sprechstunden genutzt werden.

Anschlussberatung findet i.d.R. in wöchentlichen Abständen statt, es sei denn, personelle Kapazitäten oder die Bedürfnisse des Klienten sprechen dagegen. In Krisensituationen, können auch persönliche und/oder telefonische Kontakte mehrmals in der Woche gehalten werden bzw. erforderlich sein.

Juni 2009 Artur Kebernik
Die Konzeption der stadtteilorientierten Beratungsstelledownloads: 985 | type: pdf | size: 105.09 kB